Japan Space Decoder (2) Unterm Strand liegt das Pflaster

11. März 2005

von Desmond Des Vasprich-Idir

Ich war nach Japan gekommen, das Leben in der Gruppe zu studieren, zu leben, zu erlernen. Drei Jahre hatte ich mich darauf vorbereitet. Hatte das Grundstudium Japanologie durchlitten, Kontakte geknüpft, Erkenntnisse und neue Kraft gesammelt: Anlauf genommen für den Sprung übers große Meer.

Vor drei Jahren war meine alte Gruppe kollabiert. Es war das kein Hippiekral gewesen wie in dem kürzlich mit Leonardo die Caprio verfilmten Buch »The Beach«, sondern eine leninistische Organisation. Aber das tat, wie ich zunehmend herausfinden sollte, wenig zur Sache. Alex Garlands Roman bestätigte mir diesen Verdacht. Entlang der Stationen Gründung, Aufbauphase, Krise, Verrat und Zusammenbruch waren Entwicklungskurve und Psychodynamik seines fiktiven Strandprojekts und meines alten Lenin-Haufens austauschbar.

Am Anfang entdeckt eine kleine, eingeschworene Gruppe einen geographischen und/oder ideologischen Ort, der Heimat werden zu können verspricht. Nach von harter, gemeinsamer Arbeit erfüllter Anfangszeit haben die Gründer ein Fundament eingezogen. Nun sollen viele darauf ein großes, schönes Haus errichten, darin gemeinsam, harmonisch und befreit zu leben – als Welt in der Welt, als Gruppe.

Irgendwann taucht eine Bedrohung auf. Entweder wird die Existenz der Gruppe von außen bedroht oder das wachsende Gewicht der Neuankömmlinge bedroht die mehr oder minder subtile Herrschaft der Gründer, meistens kommt beides zusammen.

Das Projekt hat seinen Zenit überschritten. Es kommt zu haarfeinen Rissen, zu ersten Brüchen, Fraktionierung und Machtkampf. Parallel bröselt von tragenden Säulen der Gruppe, dem bisher selbstverständlichen gegenseitigen Vertrauen und dem Gefühl, in einer Schicksalsgemeinschaft verbunden zu sein, der Putz. In den Ritzen der porös gewordenen Struktur bilden sich Räume der Heimlichkeit.

Die das Projekt in jedem Falle aufrechterhalten und weiterführen wollen, argumentieren, der Erhalt der Gruppe sei wichtiger als Moral, Wahrheit und das einzelne Gruppenmitglied. Sie sind gewillt, sich und das Projekt gegen innere und äußere Feinde (die anderen) mit den von diesem Zweck geheiligten Mitteln (allen) zu verteidigen.

Vertigo, die Sehnsucht nach dem freien Fall, Defätismus und Verantwortungslosigkeit kennzeichnen diese Identifikationskrise mit dem Projekt der Gruppe.

Derweil mutieren »die anderen« zu jenem inneren Feind, den die Verteidiger der Struktur mit immer brutaleren Methoden bekämpfen. Die Sache wird ungemütlich für „die Anderen“, aus Fluchtgedanken wird ein Fluchtplan. Glückt die Flucht, bleibt den zurückbleibenden Verteidigern das allerdings zur Unkenntlichkeit verzerrte, in sein Gegenteil verkehrte Projekt. Die fliehenden Anderen verlieren ihrerseits zwar das alte Paradies – den Strand, die Partei, die gemeinsame Heimat – und eine Menge Illusionen. Sie retten mit dem nackten Leben aber die Ursprungsvision des Unterfangens und haben die Chance, neu anzufangen, von vorne und im Idealfall täglich.

Ist diese Entwicklung zwingend? Ein Bewegungsgesetz der Gruppe an sich? Wenn, so bliebe denen, die nicht zu Verrätern an der Urvision werden wollen, wirklich nur die wiederkehrende Vereinzelung, Heil in der Flucht, permanenter Eskapismus als Methode. Ein Dilemma.

Ob der Taoismus eine Lösung bietet?

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