Japan Space Decoder (1) Die Wale, die Wale

(5. März 2005)

von Desmond Des Vasprich-Idir

Die Schwierigkeiten des Schreibens nach Deutschland über Japan sind unter PR-Gesichtspunkten womöglich kein sehr treffsicherer Einstieg – für diese wöchentliche Kolumne nicht, und erst recht nicht für mich, Desmond Des Vasprich-Idir. Bin ich doch im Körperkollektiven Identitätsprojekt auf die bisher von Flori Kirner gehaltene Planstelle des Chefideologen nachgerückt. Sicher erwartet man von mir messerscharfe Analysen. Japanischer Nationalismus und so, Koizumi und die LDP, Japan und die USA: die Wale, die Wale.

Ich beginne aber mit den Schwierigkeiten des Schreibens über Japan nach Deutschland – genauer: mit meiner extremen Lustlosigkeit, Dir, dem ideellen, gesamtdeutschen Linken, auch nur irgendwas zu erklären über dieses Land, das ich den Japan-Space nenne. Ich habe keine Lust. Keine Lust, interkulturelle Missverständnisse aufzuklären. Wen es interessiert, der soll halt herkommen, anstatt irgendwelches Halbwissen nachzuplappern. Keine Lust, Deutschland und Japan zu vergleichen. Vergleichendes Denken erfordert eine gemeinsame Ebene, auf der man den Vergleich ziehen kann. Und die will ich zwischen Japan und Deutschland gar nicht haben. Deutschland interessiert mich nicht. Das heißt, es interessiert mich sehr, ich sehe die Tagesschau im Internet, höre »Live im Stadion« fast jeden Samstag. Aber mich interessiert Deutschland als Deutschland. Im Bezug auf Japan finde ich Deutschland ziemlich deplaziert. Freilich: Adidas, BMW oder Juchheim-Baumkuchen, all das ist sehr real im Japan-Space, aber Deutschland ist hier, wie Japan in Deutschland, ein reiner Mythos.

Ein positiver Mythos übrigens. In dem Deutschland, das sich Japaner so vorstellen, hätte ich die letzten 30 Jahre gerne mal gelebt. Ich selber trage, wie alle Exildeutschen, zu diesem positiven Mythos eines Loveparade-schwule-Bürgermeister-Anything-goes-Ökotopia natürlich bei. Das täte ich unweigerlich, auch wenn ich nicht wollte, durch mein Aussehen und Verhalten plus die Tatsache, dass ich nach dem Stand der Dinge von Japanern als Deutscher gewertet werde.

Zu allem Überfluß (Antideutsche bitte hier skandalisieren) will ich aber gar nicht so unbedingt verhindern, dass ein positiver Deutschland-Mythos in Japan durch mich Nahrung findet. Ja klar, der Hauptfeind steht im eigenen Land – aber das eigene Land ist da, wo man selber steht. Der Feind war dann eben nicht nur für Karl Liebknecht, sondern auch für die Polin Rosa Luxemburg der deutsche Imperialismus. Und ich habe, das muß ich ehrlich sagen, in Japan ganz andere Sorgen als mich um den Nationalismus einer drittklassigen, europäischen Regionalmacht zu kümmern.

Ich lebe jetzt in Asien.

Und hier regiert Amerika.

 

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