Elsässers Preussenschlag (2007)

Diesen Artikel habe ich im Oktober 2007 geschrieben. Die der JungeWelt, für die ich damals gearbeitet habe, weigerte sich, den Text abzudrucken. Immerhin schrieb auch Jürgen Elsässer für diese Zeitung – noch, denn er wurde wenige Wochen später gekündigt. Veröffentlicht wurde mein Text dann in einer gekürzten Fassung im AK („Analyse & Kritik“). Ich stelle hier, nachdem die Rechtsentwicklung des in Frage stehenden Herrn weitgehend abgeschlossen ist, den ungekürzten Originaltext erneut zur Verfügung.

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Elsässers Preussenschlag

Nachdem das Hauptverdienst Jürgen Elsässers in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten darin bestand, im Verhältnis der Linken zum Nationalismus ein heilloses Durcheinander anzurichten, wird die profilierungstaktische Rationalität seiner bislang letzten Kapriole langsam greifbar: am 10. Oktober sprach Elsässer als Gast der „Preussischen Gesellschaft“ im Berliner Hilton.

„Ich bin ein Linker von altem Schrot und Korn“ stellt Jürgen Elsässer sich den Neo-Preussen vor – und den „Latte-Macciato-Linken“ gegenüber, die sich mit allem beschäftigen „was dem Kapital nicht weh“ tut, vornehmlich „mit Multi-Kulti und Transsexuellen in der Mongolei“.

Schrot und Korn statt sexuelle Revolution, Herrenwitziges und ein Seitenhieb gegen die Politisch Korrekten und Gutmenschen zur Eröffnung – sowas kommt an bei den alten und jungen Herren und vereinzelten Damen jener, so Elsässer, „hochrespektablen Vereinigung“.

In ihrer etwas betulichen Höflichkeit gleicht die Preussische Gesellschaft einem Verein elitärer Brauchtumspfleger. Freilich hat man auch aktuelle Ansprüche, hat Gesichtspunkte, sorgt sich. Wie immer sorgt sich Preussen vor allen Dingen um die deutsche Nation, und da trifft sich’s mit dem Jürgen Elsässer.

Nazis allerdings sind das hier nicht viele, zumindest nicht solche „von altem Schrot und Korn“. Das wahre Preussentum habe vielmehr 1944 die Bombe im Führerbunker gezündet, heisst es…

Aber in Zeiten, da Auschwitz die moralische Begründung für Angriffskriege liefert, liefert eben ein versuchter Tyrannenmord die identifikatorische Grundlage für „preußisch-friderizianisches Gedankengut und preussische Tugenden“. Und weil man plural gesinnt ist, lädt man sich mal Jörg Schönbohm, mal Hanna-Renata Laurien, mal den wegen Volksverhetzung vorbestraften Rechtsextremisten Hans-Dietrich Sander und dann wieder Lothar Bisky ins Hotel Hilton ein.

Die „Zerstörung der Nation“ durch „Heuschrecken“ beklagt der heutige Referent: internationale Finanzpiraten, die mit oftmals hanebüchen zusammen geliehenem Geld „wie eine biblische Plage“ über betriebswirtschaftlich kerngesunde Industrieunternehmen herfallen. Man hat all dieses so oder ähnlich in Büchern wie „Die Globalisierungsfalle“ lesen und bei Heiner Geißler hören können. Für Leute, die mit der Kreuzung der Diskurse von Finanzkapital und Ungeziefer kein Problem haben, sind das die halbwegs erträglichen 20 Minuten Elsässer.

Mehr Fragezeichen tun sich auf, wenn Elsässer daran geht, diese bekannten Phänomene in eine geostrategische Analyse einzubetten. Was da vorgetragen wird, ist gepflegtes Länderschach, in dem der einzige auftretende Akteur Nationalstaaten verschiedenen Namens, beziehungsweise ihre Regierungschefs und deren Beziehungskisten sind.

Ich fühle mich in jenes Uni-Seminar über „International Relations Theory“ zurückversetzt: das hier ist Kenneth Waltz, Henry Morgenthau, die amerikanische Nachkriegsdenke: the material capabilities of nation states – sonst nichts. Nationen erscheinen als Monolithen ohne innere Widersprüche, handelnde Wesen höherer Ordnung.

Während ich mir vorstelle, wie die Neo-Preussischen Herren im Hobbykeller die Schlacht bei Hohenfriedberg mit selbstlackierten Zinnsoldaten nachstellen, betätigt sich Jürgen Elsässer als strategic consultant des deutschen Imperialismus. Und er kann das guten Gewissens und „als Linker“ tun, denn die USA nehmen bei ihm die Planstelle „Römisches Imperium“ ein, dem auf der Planstelle „unterdrückte Nationen“ Länder wie … Deutschland gegenüber stehen und „ihre nationale Souveränität erkämpfen“ müssen, so Elsässer.

Im nächsten Schritt lobt Elsässer dann Gerhard Schröder für die gelungene Formulierung vom „deutschen Weg“, und dass dieser die Pipeline mit den Russen durch die Ostsee gelegt habe: damit nicht „irgendwelche Balten“ die deutsche Nation im Bütteldienst Amerikas erpressen können.

Sich den Standpunkt des deutschen Imperialismus zu eigen zu machen, nennt Elsässer lustig „proletarischen Internationalismus“, schließlich betreibe die deutsche Schwerindustrie heutzutage „Friedenspolitik“. Ob sie wohl deshalb vor allem eine Rüstungsindustrie ist?

Bei preussischen Herren jedenfalls sorgt Elsässer spätestens jetzt für Begeisterung. Und Jürgen Elsässer ist ein geschickter Mann. Wenn er den Abzug amerikanischer Atomwaffen fordert und gleich im nächsten Satz auf General de Gaulle Bezug nimmt, tut er das, ohne die Forderung nach eigenen, deutschen Atomwaffen auszusprechen. Er setzt darauf, dass der gebildete Preusse versteht, mit dem gelieferten de-Gaulle-Chiffre selbständig weiterzuarbeiten.

Damit die Preussencombo auch mit ihm weiterarbeitet, wird Elsässer dort nochmals deutlich, wo es zwar dem Kapital nicht wehtut, dafür aber dem versammelten Männerbund besonders gut in diesen verkommenen Zeiten. Der Individualismus und die Beliebigkeit sind jetzt das Ziel präzise ausgearbeiteter Spötteleien. Da wird der Verfall der Nationalsprache in lauter Kauderwelsch und Szenejargons beklagt, die Diffamierung Eva Hermans als Eva Braun und ein Zeitgeist, der statt solider Familien „die Lebensabschnittsgefährten und die sexuelle Orientierung täglich wechselt.“

Nun hat Friedrich der Große seine sexuelle Orientierung bekanntlich nicht oft gewechselt. Aber die Neo-Preussen verstehen schon, man versteht sich, und als Signale für gesellschaftliche Integrationsbereitschaft weiß man diese Bekenntnisse eines Linken von altem Schrot und Korn durchaus zu lesen.

Zumal Elsässers Jürgen seine Nützlichkeit auch anderweitig unter Beweis zu stellen vermag. Etwa wenn er den Spruch „Ein kluges Wort, schon ist man Kommunist“ umändert in „Ein kluges Wort, schon ist man Nationalist“, und damit einen linken Sponti-Spruch für die Preussen enteignet, auf den Letztere selber wohl nicht gekommen wären.

Der Prozentsatz sich selbst als „links“ definierender Traditions-Preussen jedenfalls dürfte am 10. Oktober sprunghaft angestiegen sein. Denn auch der deutsche Imperialismus will heute nicht mehr richtig rechts sein – und wozu sollte man es auch sein an einem Abend, an dem ein „Linker“ ausgiebig Stoiber lobt und ein Bündnis „von Lafontaine bis Gauweiler“ fordert, wobei „die Linke ihr Programm erst einmal zurückstellen“ müsse?

Dem mithin geäußerten Fatum, Jürgen Elsässer werde „den Weg Horst Mahlers“ gehen, ist nach dem gestrigen Abend entschieden zu widersprechen. Wer von den Preussen im Hilton derart gefeiert wird, hat jedenfalls nicht nötig, sich mit irgendwelchen Nazi-Desperados zum Bratwurstessen am Bahnhof Chemnitz zu verabreden. Der Mann hat lukrativere Methoden gefunden, linkes Symbolkapital umzuwandeln in echtes, rechtes Kapital.

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