Ein trauriger, stolzer Sohn

Aus dem selben Pasinger Krankenhaus, in dem am 10. Januar 1975 mein Vater am Bett meiner Mutter stand und ausrief: „Gabi, a Bua is!!“, wird er selbst morgen wieder ins Pflegeheim entlassen.
Für mich begann in diesem Krankenhaus der Weg ins Leben.
Für ihn beginnt hier der letzte Weg, aus dem Leben heraus.
Das Pasinger Krankenhaus hat sich, zumindest im Eingangsbereich, seit 1975 kaum verändert, wie es scheint. Und ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich in dieser Koinzidenz des Ortes eine besondere Tragik oder eine gewisse, philosophisch zu nennende Schönheit erkennen soll.
Jedenfalls sind wir alle froh, dass mein Vater in der extremen Situation der letzten Tage, ziemlich überraschend, zu alter Klarheit und Entschlossenheit zurückgefunden und damit auch uns eine unmenschlich schwierige Entscheidung abgenommen hat.
Er ist sich seiner Lage voll bewusst geworden und hat sich unmißverständlich entschieden, eine weitere Amputation abzulehnen und stattdessen den Weg ins Sterben anzutreten.
Bei aller Traurigkeit, dass mein Babbi mit hoher Wahrscheinlichkeit bald nicht mehr da sein wird, erfüllt es mich mit Stolz, den alten Kämpfer noch einmal so erleben zu dürfen. Auch die Ärzte waren baff über die kraftvolle Persönlichkeit, die ihnen da plötzlich gegenüberlag und ihren Willen unzweideutig durchsetzte.
Am stolzesten aber macht mich mein Bruder Schorsch, der ab heute nicht mehr mein „kleiner“ Bruder ist. Er hat in dieser Situation eine geradezu heldenhafte Rolle gespielt und hat die entscheidenden Gespräche mit meinem Vater mit großem Mut geführt – während ich selbst an eine unüberschreitbare innere Grenze geraten war und nach meinem letzten Besuch zwei Stunden orientierungslos mit dem Auto herumgefahren, aber immer wieder an diesem Krankenhaus herausgekommen bin.
Ich werfe mir diese Schwäche nicht vor. Im langen Leidensweg meines Vaters hatte jeder in seinem Umfeld ausreichend Gelegenheit, sich als handlungsfähig zu beweisen und ich habe das über Jahre hinweg getan. Aber alle hatten auch ihre Phasen, in denen die Überforderung einfach nicht mehr zu meistern war. Das ist okay. Es gehört dazu. Das Sterben ist halt für niemanden einfach – auch und gerade nicht für die Angehörigen.
Jetzt geht es darum, diesen letzten Weg meines Vaters so gut und so liebevoll wie möglich für und mit ihm zu gestalten, da zu sein, soweit mein Vater das möchte und einen würdigen Rahmen für die Sterbephase auch organisatorisch sicherzustellen. Gerade habe ich mit dem Arzt im Pflegeheim telefoniert, um eine Palliativerklärung vorbereiten zu lassen. Mein Vater möchte nicht mehr in ein Krankenhaus zurück: nie mehr!
Euch teile ich das alles an dieser Stelle mit, weil das Internet und solche Blogs ja im Normalbetrieb Orte der Verdrängung und Zersetzung ist, an dem wir uns mit unseren jeweiligen Siegesmeldungen auf die Nerven gehen. Was soll das? Auch hier sollte Platz sein für die Traurigkeit. Denn wo die Traurigkeit keinen Platz hat, hat auch die Liebe keinen.

ein trauriger, nachdenklicher, stolzer, liebender Sohn

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