AN MEINE FUSSBALLBEGEISTERTEN FREUNDE

Ich gönne wirklich jedem die Freude am gestrigen Sieg. Ich war jahrhundertelang selbst Fussballfan und weiß, was ein Elfmeterschießen nervlich bedeutet. Bei der WM habe ich meinen Boykott nur bis zum Halbfinale durchgehalten, und ich bin heilfroh, dieses 7:1 gegen Brasilien nicht verpasst zu haben.
Aber einige Reaktionen auf meinen gestrigen Post bestärken mich dann doch darin, dieses wiederkehrende Spektakel endgültig abzulehnen.
Da wird die an und für sich ja wenig aufregende These, Sportgroßveranstaltungen Marke WM / EM / Olympia usw. hätten irgendeine herrschaftspolitische Bedeutung auch schon als „krude Verschwörungstheorie“ bezeichnet.
Das ist großartig. Demnächst werden solche Leute noch empört und mit sehr fortschrittlichen Argumenten die Behauptung zurückweisen, dass Sepp Blatter korrupt sei. Am besten noch mit dem Hinweis, dass er doch als FIFA-Präsident „demokratisch gewählt“ worden sei.
Aber auch im Normalbetrieb klardenkende Menschen kritisieren, ich würde „die Sache unnötig mit Politik aufladen“. Wer so denkt, hantiert mit einem sehr schlichten Politikbegriff. Eine solche EM ist von vornherein politisch. Und zwar gerade dadurch, dass sie so scheinbar unpolitisch daherkommt. Ist das nicht offensichtlich?
Habt Euren Spaß.
Feiert, wie Ihr lustig seid.
Aber Ihr werdet auch damit leben müssen, dass es Leute gibt, die sich diesem Spektakel entziehen und das nicht schweigend und demütig tun, sondern genauso laut, wie Ihr Euch daran beteiligt.

Prinz Chaos

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WER JETZT NICHT TANZT
(Franz Josef Degenhardt)

Wer jetzt nicht tanzt, der ist selber schuld,
unterm Confetti – Regen.
Das wirbelt im warmen, weichen Wind,
wehr dich nicht länger dagegen.
Die bunten Schnipsel kann man nicht mehr
wieder zusammenkleben.
Du hast doch früher immer gesagt:
so kunterbunt ist das Leben.

Wer jetzt nicht tanzt der ist selber schuld.
Es dreht sich der Platz mit den Leuten
langsam und in den Himmel hinein.
Der größte Star aller Zeiten
aus den Slums von Port au Prince
läßt seine Stimme schäumen;
das klingt so schön nach Befreiung
so kann man so gut dabei träumen.

Die Würstchenbuden drehen sich mit
und alle Zeitungsverkäufer.
Die Kinder schweben an Luftballons,
der Fixer tanzt mit dem Säufer.
Der Skinhead tanzt mit der Türkenbraut,
und alle lachen und reden.
Hinter der Skyline von Babylon, da
singt der Sänger, liegt Eden.

Natürlich ist das eine Illusion,
dieses vermischte Tanzen:
Aldi-Kassiererin Claire und der
Porsche-König von Kampen,
Raissa, Miss Moskau und Red Adair,
der regelt die Katastrophen.
Aber so ist das nun mal, Chérie,
wenn wir in den Himmel schwofen.

Wer jetzt nicht tanzt, der ist selber schuld,
unterm Konfettiregen.
Das wirbelt im warmen, weichen Wind,
wehr dich nicht länger dagegen.
Vergiß auch schnell, wer das Fest bezahlt.
Warum willst du dich bestrafen?
Es lassen die Kinder aus Port au Prince
dich nämlich sonst nicht schlafen.

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