Joschka Fischers Geheimnis

In seinen letzten beiden Lebensjahren hatte ich die Freude, mit Wolfgang Korruhn etwas näher bekannt zu sein. Dieser westdeutsche Fernsehmann der ersten Stunde war damals in Köln eine lebende Legende, ein volkstümlicher Held; ein Geschichtenerzähler vor dem Herrn außerdem, ausgestattet mit zahllosen intimen Details und grotesken Begebenheiten aus dem Leben diverser Menschen von Rang und Namen.

Auch vor laufender Kamera gelang es Wolfgang Korruhn wie kaum einem, Interviewpartner zu sehr entlarvenden Aussagen zu verleiten.

Dies gelang dem Talkgenie Wolfgang Korruhn vor allem durch seine „Charmewaffe“:  durch eine höfliche, sehr angenehme und verschmitzte Art, die dem Gegenüber Vertrauen einflößte, ihn in Sicherheit wiegte und selbst zugeknöpften Herren zu einer gewissen Redseligkeit verhalf.

Gestern also stieß ich auf Youtube auf DIESES Interview mit dem noch jüngeren Joschka Fischer. Und dieses Video ist geradezu sensationell aufschlussreich. Scheinbar scheitert der Talker Korruhn am Felsklotz Fischer. Der gibt sich zugeknöpft, und bis an den Rand der Rüpelhaftigkeit abweisend  – und verrät dabei umso mehr über sich.

Fischer raunzt: „Halten Sie Abstand!“ Und im Lichte von Wolfgang Korruhns weithin bekannter Homosexualität wird man sich fragen dürfen, ob Fischer hier nicht Homophobie im Wortsinne demonstriert: echte, neurotische Angst vor Schwulen, also.

Noch entlarvender ist aber die geradezu panische Angst, die Joschka Fischer vor Joschka Fischer zu haben scheint. Wolfgang versucht, an den Menschen Fischer heranzukommen – und der reagiert nicht nur unwirsch und wenig gewinnend: sondern restlos verkrampft, ungeschickt, tapsend nach Worten suchend. Fischer ist ziemlich von der Rolle!

Es ist ein für den schlagfertigen Lustrhetoriker Fischer wahrhaft ungewöhnlicher Auftritt. Er verdient nähere Betrachtung.

Auf die Frage, welches Tier er gerne wäre, sagt Fischer: „Irgendwas zwischen Goldhamster und Wolf.“ Welches Tier könnte das sein, dieses Wesen „zwischen Goldhamster und Wolf“? Kein Bild steigt da auf im Betrachter. Fischers Selbsteinschätzung ergibt keinerlei Sinn, es sei denn, dass er sagen möchte, er schwanke zwischen hilfloser, kindlicher Harmlosigkeit und reißender, mörderischer Gier.

Diese erstaunliche Unfähigkeit Fischers, an sich selbst heranzukommen und auf Fragen nach dem Menschen Fischer mit der gewohnten Coolness zu reagieren, spricht Bände über einen, der mit seinen gesammelten Idealen, Überzeugungen und Prinzipien auch sich selbst immer wieder über Bord geworfen hat.

Fischers Wunsch etwa nach der Fähigkeit, „das Gesicht ausziehen zu können“, sich selbst quasi vor sich selbst in die Anonymität zurückziehen zu können, wirft die Frage auf, inwieweit dieser so anpassungsfähige und nach außen hin so unendlich selbstbewusste Mann das eigene Gesicht eigentlich im Spiegel ansehen kann. Hasst er dieses Gesicht? Will er es loswerden? Ist es ein Feindgesicht, das ihn da im Spiegel konfrontiert?

Fischers Reaktion auf die Frage nach der Bedeutung von Freundschaft verhehlt nur mühsam, dass Freundschaft im Leben des Joschka Fischer keine nennenswerte Bedeutung hat; dass er eher Zweckbündnisse kennt, Verbindungen auf Zeit, soweit sie dem eigenen Fortkommen dienlich sind.

Interpretiere ich zuviel hinein in dieses Gespräch von vier Minuten Länge?

Vielleicht. Das „Geheimnis“ des Joschka Fischer zu lüften ist meinem verstorbenen Freund Wolfgang Korruhn jedenfalls eindeutig gelungen: Joschka Fischer selbst enttarnt sehr unfreiwillig das Geheimnis seines Aufstiegs vom revolutionären Straßenköter zum erfolgreichen Machtmenschen. Es ist sein Status als Emotionalkrüppel. Denn nur, wer sich selbst längst verraten hat, kann auch andere in dieser Weise verraten.

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PS: Die Körpersprache des emotional verkrüppelten  Joschka Fischer wird sehr gut analysiert in DIESEM Video.

 

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2 Kommentare

  1. Kritikistoftnur Dieprojektiondereigenenprobleme · Dezember 16, 2015

    Na Mensch, da schafft es der Prinz ja, sich selbst „sehr unfreiwillig“ zu enttarnen. Vom kleinen Trotzkisten mit anarchistischer Attitüde zum leidenschaftlichen Küchenpsychologen, der sein im Ergebnis kümmerliches Fernstudium von Menschen gerne mit einem Feuerwerk von reißerischen Adjektiven schmückt. Ist er ein Authentizitätskrüppel? Denn nur wer sich selber für ach so authentisch hält, kann so etwas wie die Verwandlung eines Menschen über die Zeit eines Lebens für Verrat halten. Oder ruft der kleine Trotzkist im Prinz auch ganz laut „Verrat!“, weil die Freundschaften des alternden Prinzen in Wirklichkeit auch nur Zweckbündnisse sind? Nein, das wäre sicherlich zu viel „hineininterpretiert“, nich?

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  2. michael olpp · Dezember 17, 2015

    für mich offenbart sich in diesem artikel ein lange gehegter minderwertigkeitskomplex der feinsten sorte gegenüber joschka fischer…muss weh tun…

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