Die Keupstraße, die Anstalt, Kutlu Yurtseven und die rassistische Struktur unserer Weltwahrnehmung

Ich habe ab 2001 einige Jahre in Köln-Mühlheim gewohnt, 100 Meter vom Rheinufer, am Jugendpark – und damit ganz in der Nähe der Keupstraße, die ich geliebt habe. Diese Straße könnte auch in Istanbul oder Bursa stehen. Die türkischen Restaurants dort sind wahre Paläste und das Essen: ein Traum!
(Nebenbei sei angemerkt: ich lief damals total geschminkt, mit zahllosen Ringen, Ohrringen und im Rock durch die Gegend. Und ich habe mich in der Keuppstraße immer sicher, anerkannt und akzeptiert gefühlt. Denn die orientalische Kultur hat einen festen Platz für Gendercrossing – und sie ehrt den Mutigen!)
Während meines Japan-Aufenthalts ging dann 2004 in der Keupstraße eine Nagelbombe des NSU hoch. Es gab schreckliche Verletzungen. Zunächst durch die Bombe selbst. Dann aber auch durch einen eklatanten Mangel an Solidarität in der biodeutschen Bevölkerung und durch Polizeiermittlungen, die aus den Opfern Mittäter zu machen versuchten.

Was wissen wir über den NSU?

Wir wissen, dass es so, wie man uns weismachen möchte, nicht gewesen sein kann. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Armin Schultz hat das kürzlich so zusammengefasst: das Terrortrio war kein Trio, der Kopf der Bande ist noch nicht gefasst, der Doppelselbstmord war kein Doppelselbstmord und die Explosion jener Wohnung in Jena kann ebenfalls nicht so abgelaufen sein, wie von den Ermittlungsbehörden behauptet.

Zu ergänzen sind: Berge von relevanten Akten, die geschreddert wurden. Spuren, die ignoriert oder verwischt wurden. Ermittlungspannen, die kaum noch daran glauben lassen, dass es sich um Pannen handelt. Eine Bundesstaatsanwaltschaft, die mauert und trickst anstatt sich an der Aufklärung des Terrornetzwerks zu beteiligen.

Und: ein mysteriösen Zeugensterben! Zeugen, die auf dem Weg zur Aussage im Auto verbrennen, zum Beispiel.

Derzeit kommt der NSU-Verfassungsschutz-Skandal wieder mehr vor in der Öffentlichkeit. So auch gestern in einer ungeheuer wichtigen Folge der Anstalt, unter anderem mit Kutlu Yurtseven und Esther Bejanaro.

In meiner Kölner Zeit hatte ich einiges zu tun mit Kutlu und der Mikrophon Mafia. Wir kannten uns aus dem Umfeld der Kulturaktivisten von „Kanak Attak“, die mir in dieser Zeit der politischen Heimatlosigkeit Asyl gewährt hatten. Kutlu und ich haben am gleichen Institut studiert, usw.

Wir trafen uns später sehr gelegentlich. Umso glücklicher war ich, Kutlu gestern in der Anstalt zu sehen. Ich habe mich wahnsinnig gefreut für ihn, der es künstlerisch und menschlich so sehr verdient hat, die große Fernsehbühne zu betreten.

Und natürlich war es umso schöner, dass dies auch Esther Bejanaro vergönnt war. Was für eine Persönlichkeit. Wir wichtig, ihre Stimme einem Millionenpublikum zu präsentieren. Dazu dieses jiddische Partisanenlied:unglaublich!

Vor allem aber habe ich mich politisch gefreut!

Denn das NSU-Verfassungsschutz-Netzwerk darf nicht weiterbestehen! Es besteht aber noch. Deswegen dürfen wir nicht ruhen, bis alle Zusammenhänge aufgedeckt, alle Täter in und außerhalb staatlicher Strukturen gefasst und abgeurteilt und der Mörderbande endlich das Handwerk gelegt wurde.

Einmal mehr hat die Anstalt einen unbeschreiblich wichtigen Job gemacht. Danke an Max Uthoff und Claus von Wagner!

Und Gratulation, Kutlu!

Gratulation, Esther Bejanaro!

Abschließend jedoch sei noch ein Bekenntnis meiner eigenen Beschämung angefügt: auch ich habe zwar die Namen der bisher bekannten NSU-Mörder und den der erschossenen Polizistin gekannt, aber keinen einzigen Namen der nicht-biodeutschen Terroropfer.

Das ist wirklich eine Katastrophe und ich denke, über diese durch und durch rassistische Wahrnehmungsstruktur müssen wir uns alle fundamentale Gedanken machen – nicht nur anhand des eklatanten Trauergefälles zwischen Terroranschlägen in Paris und in Beirut.

Denn diese rassistische Struktur unserer Weltwahrnehmung durchzieht jeden Einzelnen von uns. Und wir können das nur ändern, indem wir beginnen, unsere eigenen Köpfe und Herzen zu öffnen!

HIER DER LINK ZUR GANZEN SENDUNG:

Die Anstalt vom 17. November 2015

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