Freund und Feind im Großdilemma (BERICHT AUS ATHEN 2)

Jubelnd seien sie durch die Straßen gezogen, erzählt der alte Freund, Deutsch-Grieche, Syriza-Mitglied. Mit breiter Brust und breitem Lachen und: „Mehr rote Fahnen, als Du je in Deinem Leben gesehen hast oder jemals sehen wirst!“

Der Oxi-Sieg beim Referendum. Wie lange ist das jetzt her? Zehn Tage, zehn Jahre oder zehn Welten?

Vassilis hat seinen Vortrag bei der Konferenz „Democracy Rising“ abgesagt: „Was soll ich sagen, wenn ich in Wirklichkeit einfach nur ratlos bin!“ Margarita wird ihren Vortrag halten. Aber auch sie ist ratlos. Ihre Kernaussagen wurden durch die Entwicklung der letzten Tage pulverisiert.

Ich schlage vor, die Ratlosigkeit offen zu bekennen. Nicht als lakonisches Ausweichmanöver. Sondern als einen gemeinsamen Ausgangspunkt. So mache ich das neuerdings immer. Ich bin oft ratlos.

Und nicht nur diese beiden Freunde sind sich radikal uneins, was man von Tsipras Wendungen und der Zustimmung zum neuen Memorandum halten soll. Wird man jetzt zu Feinden werden? Unter Syriza-Genossen gebe es momentan ein neues Begrüßungsritual: man fasst sich mit beiden Händen, schaut sich tief in die Augen und fragt: „Sind wir noch Freunde?“

Der Klinikleiter des Elpis-Krankenhauses wird dazu die Achseln zucken, nehme ich an. Er hat schon beim Referendum mit „Ja“ abgestimmt. Grexit? „Völlig verrückt!“ – so sagt er uns. Da könnte er das Krankenhaus in fünf Wochen dichtmachen. Wie soll das gehen?

Im Elpis, was „Hoffnung“ bedeutet, behandeln sie alle. Die Unversicherten, die Obdachlosen, gestern auch einen jungen deutschen Touri, der total pleite war. „Schau, die Flüchlinge. Ich mag die eigentlich nicht besonders, wenn sie überall betteln. Aber natürlich behandeln wir die, alle, selbstverständlich. Obwohl das illegal ist, aber wir nehmen alle Patienten an.“, erzählt der Arzt und raucht noch eine.

Die Befürworter von Tsipras neuem Kurs verweisen auf die unbeschreibliche Not im Land. Sie alle hassen das Memorandum. Sie hassen die Situation, in die sie hineingekommen sind.

„Es ist wie Tschechien 1938. Die Wehrmacht steht mit Panzern an der Grenze und Du weißt: Du hast keine Chance. Also, was tust Du? Kämpfst Du und die richten ein Gemetzel an? Oder kapitulierst Du?“, stellt der Mann in der Syriza-Zentrale die Situation dar: „Die Deutschen haben offen gedroht, das gesamte Bankensystem in Griechenland kollabieren zu lassen! Wir hatten keinerlei Liquidität mehr. Das Land stand vor dem Kollaps!“

Fehler? Natürlich Fehler! Jede Menge sogar. Die Partei sei nicht gut vorbereitet gewesen auf die Macht. Geboren aus den Kämpfen gegen Memorandum 1 und 2 und dem Totalzusammenbruch der PASOK, war Syriza in nur drei Jahren von 4% auf fast die absolute Regierungsmehrheit explodiert. Und plötzlich musst Du einen ganzen, bankrotten Staat mit Personal besetzen.

Dort sabotiert Dich dann der Beamtenapparat, wie er nur kann.

Der Cousin eines Genossen ist Sekretär im Arbeitsministerium.

Eine riesengroße Razzia hatte er vor kürzlich vorbereitet, einen nie dagewesenen Schlag gegen die Ausbeutung von Illegalen und Flüchtlingen, gegen die Oligarchen der Bauindustrie. Tja. Eine Stunde vor Ankunft der Kontrolleure war kein einziger Illegaler mehr da auf den Baustellen. Die Aktion wurde ein totaler Schlag ins Wasser.

„Wir bezahlen den Arbeitskontrolleuren 1.200 Euro im Monat. Und die Bonzen bestechen die mit 2.000 Euro im Monat…“, beschreibt man uns einen regelrechten „Klassenkrieg auf allen Ebenen des Staates“.

Der Cousin ist entschiedener Gegner von Tsipras neuem Kurs. Aber er wird auf seinem Posten im Arbeitsministerium bleiben, wenn sie ihn nicht rausschmeißen. Zurücktreten wird er nicht. Auch Zoe Konstantoupoulos, die Heldin der Nein-Fraktion, wird Parlamentspräsidentin bleiben. Sie habe nachgeschaut, in der Verfassung. Tsipras könne sie gar nicht rausschmeissen, meint sie.

Während wir alte und neue Freunde treffen und auf der Konferenz und in den Cafes im alternativen Viertel Exarchia die strategische Großdilemmalage von allen Seiten beleuchten, spricht sich langsam herum, dass Alexis Tsipras alle Minister entfernt hat, die gegen das Memorandum mit „Oxi“ gestimmt haben.

Und eine Genossin, mit der ich lange rede, bleibt dabei! Hätte Tsipras mit dem Sieg des Referendums im Rücken die offene Revolte Griechenlands gegen das EU-Diktat ausgerufen und entschlossen angeführt: Millionen wären durchs Feuer gegangen, um diesen Befreiungskampf durchzufechten: „Und die Stimmung in Europa wäre auch gekippt, in unsere Richtung. Schau Dir das weltweite PR-Debakel von Merkel und Schäuble doch jetzt schon an…“

Wird sich Syriza spalten? Einiges deutet darauf hin. Die Ja-Fraktion bleibt seit Tagen immer öfter den Cafés in Exarchia fern, hören wir. „Die reden zum Teil eh schon daher, wie die anderen!“, sagt man uns: TINA, TINA – There is no alternative… Bald soll es Neuwahlen geben. Niemand weiß, was bis dahin aus Syriza geworden sein wird. Massive Umgruppierungsprozesse bereiten sich vor. Einmal mehr in einem Land, wo seit fünf Jahren die Parteien steigen und fallen, in Windeseile.

Schwierige Debatten in grausamer Lage. Andererseits: die Leute hier im Zentrum der Bewegung sind bei allem Frust und mitten in einer verwirrenden Niederlage noch immer besser gelaunt und lächeln öfter, als die Deutschen nach ihren schönsten Erfolgen. Und ich spüre ein Grummeln tief von unten, bei allen, mit denen ich an diesem ersten Tag in Athen spreche. Man denkt, diskutiert und sucht nach Wegen aus der Sackgasse. „Wir sind Marxisten!“, ruft Vassilis lachend aus: „Niemand hat uns Demokratie ohne Klassenkampf versprochen, oder?“

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