„Wir alle feiern diesen Tag“ // Ein US-Befreiungsepos und A. Merkel

Was für ein Heldenepos

Ein kurzer Abriss:

Eine militante, queere Strassenrevolte 1969, Tuntenterror, Sexplosion und Gay Liberation Front – – – dann die AIDS-Katastrophe. Die Straßen des Greenwich Village, wie ausgestorben. Wenn der Aufstand in der Christopher Street unser Oktober 1917 war, dann war AIDS unser 1933. Böse Zeiten unter Reagen & Bush 1.

Es geht böse weiter mit Bill Clintons Verrat („Don’t ask, don’t tell“), und 2004 gewinnt Bush 2 eine Präsidentschaftswahl auf dem Ticket aggressivster Homo- und Transfeindlichkeit. Eine Welle erfolgreicher Volksabstimmungen gegen die Öffnung der Ehe ist in zahlreichen Bundesstaaten erfolgreich.

Ein homophober Großangriff gegen die Ehe für alle in Kalifornien scheitert. Das Gericht bestätigt das Gesetz: die Ehe bleibt offen. Obama versucht mehrfach zu verraten und muss zum Jagen getragen werden, bringt am Ende der ersten Legislatur aber mit dem Ende der sexuellen Diskriminierung bei den Streitkräften einen seiner wenigen zählbaren Erfolge zustande.

Gleichzeitig rollt die Kampagne der Regenbogenallianz „State by state“. 37 Staaten führen nach und nach die Ehe für alle oder Lebenspartnerschaften ein.

Heute: der Sieg vor dem Supreme Court. Öffnung der Ehe in allen 50 Bundesstaaten.

Was für ein Heldenepos der sexuellen Befreiungsgeschichte!

Was für ein gigantischer Tag für die Bewegung in den USA, die immer der Hort unserer Kraft gewesen ist und Unendliches durchlitten hat – und für queere Leute weltweit. Wir alle und unsere Verbündeten feiern diesen Tag!

Die CDU wird ihre Position jetzt umstellen

Ab morgen übrigens wird in der CDU ein Prozess beginnen, in der Frage der „Ehe für alle“ die Position der Partei umzustellen. Wenn Irland es von selber macht und die USA die Ehe per Verfassungsgericht in allen 50 Bundesstaaten für Schwule und Lesben öffnen, dann darf man es ja höchstwahrscheinlich neuerdings auch offiziell.

Wird A. Merkel diesen Turn durchführen? Es sähe ihr ähnlich. Gewählt wird schließlich auch einmal wieder: wieso nicht dieses unliebsame Thema rechtzeitig abräumen? Die SPD-Führung hätte vermutlich gar nichts dagegen, ihrer doch arg apathischen Basis einmal ein Erfolgshäppchen hinwerfen und sich als halbwegs fortschrittlich darstellen zu können. Und gegen Russland kann man die in der Tat katastrophale Lage der Schwulen und Lesben unter Putin dann auch noch etwas glaubwürdiger einsetzen.

Was also spräche dagegen? Diese bröckelnden Restwählerschaftsruinen, die sich noch daran aufhängen, dass oder vielmehr: „ob“ es Schwule und Lesben überhaupt gibt?

Der ganz rechte Sumpf ist für die Merkel-Union ohnehin bis auf weiteres verloren, ein Seehofer hilft da herzlich wenig. Wie immer. Viel Seehofer hilft immer wenig. Aber nur in Bayern und vielleicht noch in Sachsen geht das halt so. Sogar in der abtrünnigen AfD-Konkursmasse wird sich die Zahl derer in Grenzen halten, denen die Ehe für alle so wichtig ist, dass sie deshalb nicht zur CDU zurückkehren würden.

Gleichzeitig wächst die Zahl offen und selbstbewusst homosexueller und auch schlichtweg: jüngerer Mandatsträger auch in der Union seit vielen Jahren. Wie überall in der Gesellschaft findet hier ein alltäglicher Normalisierungsprozess statt – wobei die Normierung in dieser Normalisierung teilweise inbegriffen ist.

Anyway: Strategisch wäre es ein super Schachzug.

Hinterher denken dann alle, boah, das hat die A. Merkel wieder super gemacht, dabei haben wir die Ehe selber für uns geöffnet und zwar ganz allein.

Die Verbündeten aus dem Lager der fortschrittliche Heteros kamen spät und oft zu spät, um schlimmste Angriffe gegen queere Menschen abzuwehren. Und mit der AIDS-Krise lag die Bewegung in den USA am Boden und hat noch sterbenskrank unglaubliche Kämpfe geliefert. Wir haben die Ehe in den USA selbst für uns erobert – und A. Merkel hat sich wie immer von den USA erobern lassen. Ich sage das nur gleich vorneweg. Und heute ist, as I said: ein super Tag.

Postscriptum für sprachlich überdurchschnittlich Interessierte:

Ich schreibe „super“ absichtlich klein und als einzelnes Wort. Ich gedenke nämlich „super“ demnächst als regelgerechtes deutsches Adjektiv in allen Bundesländern einzuführen. Das haben die Iren und die Amis nämlich auch schon längst gemacht.

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Ein Kommentar

  1. fritzLetsch · Juni 27, 2015

    Hat dies auf Bi-Stammtisch München Freundeskreis rebloggt.

    Gefällt mir

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