Coburg – Eisfeld – Israel … Franz Kafka im Schauberger Hof

Im Parkhaus Mauer in Coburg lesen wir das Schild: „Ausgang Judentor“ und T. vermutet, dass uns am Ausgang dann vermutlich ein Schild „Juden raus!“ erwartet. Und am Eingang steht bestimmt „Judenrein“, kalauere ich zurück und wahrlich: das Vergangene ist nicht tot. Es ist noch nicht einmal vergangen, wie William Faulkner gesagt hat.

Auf der Fahrt von Schloss Weitersroda nach Coburg hatten wir kurz über den Nahostkonflikt gesprochen und über die Wiederwahl Netanjahus. Ich äußere meinen Wunsch, T. nach Israel zu begleiten. T. erzählt vom CSD in Tel Aviv und legt „Everbody needs a man“ des israelischen DJs „Offer Nissim“ ein. Die Titelthese des Songs findet meine uneingeschränkte Zustimmung.

Jetzt aber gehen wir nicht durch das Judentor, sondern durch das Webertor aus dem Parkhaus. Ich mache ein Foto von T. vor einem Steinwappen mit dem Coburger Mohr, auch das so eine Geschichte der Geschichte:

– Der Ägypter Mauritius nämlich, dunkelhäutig und als unmittelbarer Nachbar der damals gegen des römische Imperium revoltierenden Juden bereits vom Christentum erfasst, wurde als Soldat Roms eingezogen und ins damals besetzte Germanien verschickt. Fern der Heimat wirkte der römische Legionär Mauritius dann als Missionar der ersten Generation unter den Germanen. Er war quer durch das heutige Deutschland tätig und fand schließlich – Mauritius, der Ägypter! – als christlicher Märtyrer sein Ende.

In Köln, der alten Römergarnison Colonia, wird er bis heute verehrt. Viel schwule Szene hat sich rund um den Mauritiussteindamm angesammelt. In Coburg, wo Mauritius selbst überhaupt gar nie gewesen ist, hat er es ins Stadtwappen geschafft: ein schöner Nordafrikaner mit Ohrring! Mitten in jenem Coburg, das einst die erste Stadt mit einem NSDAP-Bürgermeister gewesen ist.

Heute gilt es immerhin als „das rote Coburg“, ist vorbildlich wehrhaft gegen neofaschistische Umtriebe – und die Atmosphäre rund um diese Ansammlung historisch höchst bedeutender Baudenkmale steigert nach dem Besuch in der Veste hoch über der Stadt unsere Coburg-Begeisterung.

Wir laufen lange durch diese schöne, alte, alte, schöne Stadt. T. kriegt auf seinem Smartphone eine Nachricht nach der nächsten auf „Grindr“. Es scheint, die Schwulen der ganzen Region wollen ihn treffen. Mein Smartphone schweigt. Ich trage es mit Fassung.

Wir bleiben am Hexenturm stehen. Auf einem Gedenkstein entschuldigen sich beide christlichen Religionen für die Hexenverfolgung. Und ich finde aber, speziell die Katholiken könnten sich ruhig auch einmal bei den Schwulen entschuldigen. Aber sowas dauert ja immer ein paar Jahrhunderte…

Abends gehen wir Essen. T. will unbedingt etwas ganz speziell Thüringisches essen. Nachdem die einzigen beiden gastronomisch verantwortbaren Lokalitäten Hildburghausens von einem Italiener beziehungsweise von einem Inder geleitet werden, fahren wir nach Eisfeld in den Schauberger Hof.

Es brennt Licht, wir treten ein in dieses ehrwürdige alte Gebäude. Aber im Gastraum findet gerade eine Versammlung statt. 30 oder 40, vor allem weißbehaarte Menschen sitzen dort, ein Versammlungsleiter spricht soeben einleitende Worte. Die Bedienung sagt uns, eigentlich sei heute geschlossene Gesellschaft, aber da wir nun schon einmal hier seien…

Sie führt uns durch die gesamte Versammlung hindurch zu einem kleinen Nebenraum. Der hat sonst keine Tür und einen offenen Durchgang zum Gastraum. Während wir also kaum wagen, uns in normaler Lautstärke zu unterhalten, hören wir gezwungenermaßen die Reden der Versammelten mit an. Das ist auch recht interessant und durchaus erfreulich. Der Bürgermeister, Sven Gregor, berichtet jetzt von den Bauvorhaben der Stadt Eisfeld und als Denkmalenthusiast hört man hier Erfreuliches über geplante Maßnahmen an Kirche und Schloss.

Dann geht es um … Stolpersteine, die verlegt werden sollen! Ich schaue T. an, dessen Familie zu 90% im Holocaust ermordet wurde. Drüben erzählt ein Mann von seinem Mitschüler Max Grünstein (Grünbein?). Der sei eines Tages einfach weg gewesen und der Rektor und die Lehrer hätten den Schülern strikt verboten, auch nur nach seinem Verbleib zu fragen. Der Mann hat nun lange geforscht über den weiteren Leidenweg seines Schulfreundes und hat einige Anhaltspunkte aufgetan, die eine Datierung des Stolpersteines möglich machen könnten. Für diesen und andere Stolpersteine will er selbst natürlich spenden.

T. laufen die Tränen übers Gesicht. Ich habe auch Tränen in den Augen. Und was für eine groteske Situation: da will ich einem in Landshut wohnhaften, israelischen Freund etwas „typisch Thüringisches“ bieten und wir landen in diesem Nebenraum und hören – quasi ohne Fluchtmöglichkeit, denn das Essen wurde uns gerade gebracht! – nun einen Vortrag über Krieg, Verfolgung und Kriegsende in Eisfeld mit an.

Ich mochte den Schauberger Hof immer gerne und war schon einige Male hier erfolgreich Essen mit Besuch von außerhalb. Und Eisfeld, dieses gute, kleine Städtchen, war mir immer die liebste, hier in unserem Landkreis.

Beides hat sich bestätigt. Das Essen war sehr gut und sehr Thüringisch. T. hatte Röstbrätel mit Bratkartoffeln. Und diese andere, schwere Kost, die uns unfreiwillig aufgetischt wurde, wie diese Menschen sich nicht nur ihrer Baudenkmale annehmen, sondern auch ihres ermordeten jüdischen Mitschülers gedenken – dazu wir, ein Deutscher und ein Israeli, weinend und essend im Nebenraum: Franz Kafka hätte seine Freude gehabt im Schauberger Hof.

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