Eine Alteuropäerin namens Pandora

Ihr Lieben!
Was seit Tagen in Frankreich geschieht, ist auf so vielen Ebenen eine einzige, schreckliche Katastrophe, dass man gar nicht weiß, wo man mit dem Aufzählen beginnen soll. Die Wahrscheinlichkeit, dass Europa nach dieser Welle des Grauens ein schlechterer, weniger friedvoller und von mehr Hass erfüllter Ort sein wird, ist erdrückend groß.
Jetzt wird sehr viel geschrieben von unseren europäischen Werten und dergleichen, die es zu verteidigen gilt. Das ist richtig und ich glaube, wenn es darum geht, ein „Alteuropäer“ zu sein, gehöre ich so ziemlich zu den ältesten Säcken, die sich finden lassen. Ich mag dieses alte Europa, es ist meine Heimat in einem viel tieferen Sinne, als es Bayern, Deutschland oder auch die Welt als Ganzes sein könnten.
Also: Humanismus, richtig?
Ein Grundprinzip des Humanismus besteht darin, dass jedes Menschenleben gleich viel wert ist.
Zum Erbe jenes Europas, das ich liebe, gehört jedoch auch eine Seite, die mich schaudern lässt: die ignorante Selbstbezogenheit eines Kontinents, der sich seit jeher für das Maß aller Dinge hält und sich sehr gerne in der Erzählung von der eigenen humanistischen Identität suhlt … und dabei so elegant zu vergessen weiß, was anderswo geschieht und was auch ein Teil unserer Geschichte und unserer Verantwortung ist.

Wo zum Beispiel waren unsere massenhaften Solidaritätserklärungen auf Facebookprofilbildern, als uns die Nachricht erreichte, dass durch einen Luftangriff der Bundeswehr im afghanischen Kunduz am 4. September 2009 mindestens 142 Menschen ermordet wurden, darunter zahlreiche Kinder?
Ich nehme an, es wird von vielen als totale Geschmacklosigkeit empfunden, darauf gerade jetzt hinzuweisen. Und das berüchtigte „Aufrechnen von Toten“ ist ja meistens ein schlimmes Spiel. Aber nicht ich bin es, der das betreibt. Sondern eine Öffentlichkeit, die immer nur dann mit Angst und Empörung reagiert, wenn sich Krieg und Terror vor unserer eigenen Haustüre abspielen.

Können in diesen Tagen nach dem grauenvollen Massaker an den Redakteuren von Charlie Hebdo, die jeweils weit mehr als 100.000 Kriegstoten in Afghanistan und Irak unerwähnt bleiben? Nicht, um damit die Toten von Paris abzuwerten oder gar eine solche Irrsinnstat zu entschuldigen oder Verbrechen gegen Verbrechen zu rechnen. Sondern eben, weil jedes Menschenleben gleich viel wert ist und weil es hier Zusammenhänge gibt, denen wir ins Auge sehen müssen, wenn wir die Spirale des Terrors unterbrechen wollen.

Der von Streubomben getötete Afghane hat genauso Familie und Freunde, wie die Opfer jenes grauenvollen Massakers in Paris. Ihnen gilt meine Anteilnahme, meine Verzweiflung. Aber jenen auch. Und es war ein gewisser Barack Obama, der 2003 gewarnt hat, dass ein Krieg gegen den Irak die Büchse der Pandora öffnen und eine unkontrollierbare Eskalation auslösen werde.
Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Es geht noch nicht einmal um Erklärungen. Ich bekenne mich ratlos, hilflos und ziemlich deprimiert. Denn wenn ein gewisser Prozentsatz Menschheit offensichtlich beschlossen hat, sich ohne Halten gegenseitig hochzuschaukeln in einer globalen Spirale der Eskalation – was soll man dazu noch sagen als einer, der vor allem in Frieden leben möchte?
Vielleicht sollte genau so jemand das Folgende sagen:
Dass die alte, pazifistische Erkenntnis, dass Terror immer nur neuen Terror gebiert, so falsch nicht ist und für alle Seiten dieses eskalierenden Irrsinns gilt. Und dass das einzige, das die Büchse der Pandora schließen helfen könnte, ein Humanismus ist, der sich selbst ernst nimmt, der stark genug ist, sich einer allfällige moralischen Aufrüstung entgegenzustellen, der die Kraft zur Verzweiflung aufbringt und zur Trauer über eine Entwicklung, die am Ende sehr, sehr viele Verlierer unterschiedlichster Zuschreibungen kennen wird. Und dass absehbar ist, dass sich alle diese Verlierer durch die vorangegangenen Schrecklichkeiten der jeweils anderen, vermeintlichen Seite jeweils sehr berechtigt fühlen werden, die nächste Runde des großen Schlachtens einzuläuten. Und dass es so nicht weitergeht. Und dass wir so alle, alle miteinander in ein gigantisches globales Desaster steuern.

Alles das würde ich jener alteuropäischen Lady namens Pandora so gerne sagen. Aber die starrt verzückt in ihre Büchse und will nichts hören, befürchte ich.

Prinz Chaos II.

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Ein Kommentar

  1. fritzletsch · Januar 9, 2015

    Das ist doch nicht unser Krieg, WIR haben doch keinen erschossen, antworten mir Leute auf die Hinweise von Hunderttausenden von Toten in Afghanistan und Irak und … ist doch nur NATO.
    Krieg gegen den Terror war in unserem Alltag noch nicht angekommen, nun eben über die Religionen. … und Satire.
    Auch eine Konfession. Wie Vorratsdatenspeicherung.

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