ÜBER DIE RESIGNATION (2)

„Ich kenn nur diese eine Zeit: wo Verbrechen und Bäume blüh’n / Noch immer sing ich dazu meine Lieder / die finsteren Zeiten, das Leid / sollten die wirklich einmal vergeh’n / die kommen, todsicher, irgendwann wieder…“

So singt Franz Josef Degenhardt 1994 auf seiner CD „Aus dem Tiefland“, und das ist ein weiter Weg gewesen vom „Venceremos“ („Wir werden siegen!“) der 60er und 70er Jahre zu dieser wenig hoffnungsfrohen Bestandsaufnahme.

Wenn ich dieser Tage über meine eigene Resignation schreibe, so ähneln sich die Gründe. Auch ich war in meiner Jugend überzeugt gewesen, eine erfolgreiche Weltrevolution und das Ende von Krieg und Leid stünden unmittelbar bevor.

Wenn ich mir die Welt heute so ansehe, deutet wenig darauf hin, dass ich damit sehr richtig gelegen sei.

Ich bin mir bewusst, die Entgegnung förmlich herauszufordern, wer sich nichts weniger als den Umsturz der weltweiten Verhältnisse und ein Paradies auf Erden zum Ziel setze, habe ungefähr so große Erwartungen, nicht enttäuscht zu werden, wie Don Quichotte.

Tatsächlich backe ich in meinem Träumen und Streben inzwischen kleinere Brötchen. Ein Paradies auf Erden erwarte ich mir nicht mehr.

Und schon, dass in Degenhardts Worten, neben den Verbrechen auch die Bäume blühen, hat für mich als Baumliebhaber etwas ausgesprochen Tröstliches. Sollte diese Spezies wirklich vermögen, sich selbst in den Untergang zu stürzen, wäre ein neuerlicher Siegeszug der Bäume immerhin ein sehr wahrscheinliches Ergebnis.

Nur, dummerweise: ich liebe auch die Menschen. Selbst solcher, die mir Schlimmes angetan haben, vermag ich nicht zu gedenken, ohne mich auch an etwas Freundliches zu erinnern, an eine witzige Situation oder an einen Gesichtsausdruck, den ich mochte. Immerzu suche und finde ich noch mildernde Umstände, die das Verhalten eines Übeltäters wenn auch nicht entschuldigen, so doch verständlicher machen.

Vermutlich tue ich das vor allen Dingen meiner selbst wegen. Denn die Vorstellung eines ansatzlos bösen Menschen ist mir unerträglich.

Unerträglich allerdings ist mir an vorderster Stelle: dass diese versammelte Menschheit ein dermaßener Volldepp ist; dass die Menschheit als Ganzes völlig unfähig scheint, die offensichtlichsten Lehren aus ihrer Geschichte praktisch zu ziehen.

„Nie wieder Krieg!“ – das haben sich die Menschen schließlich nicht erst auf den Massengräbern und in den Trümmerhaufen des Zweiten Weltkriegs geschworen, um es heute wieder zu vergessen. Schon knapp 300 Jahre zuvor, 1648, am Ende des Dreißigjährigen Krieges, war die radikale Ablehnung der Krieges allgemein verbreitet – zumindest bei jener Hälfte der Vorkriegsbevölkerung, die Gemetzel, Pest und Hungersnöte überlebt hatte.

Ist es nun schon zuviel erwartet von unserer Zukunft, kollektive Rückfälle in finsterste Zeiten und die erneute Vernichtung weiter Teile der eigenen Spezies und ihrer Kultur nicht miterleben zu müssen?

Franz Josef Degenhardt starb als einigermaßen verbitterter Mann. Ich habe mir vorgenommen, diesem Beispiel nicht zu folgen. Nur wird Verbitterung ja von den wenigsten, die sie erleiden, absichtsvoll herbeigeführt. Wer hoffen möchte, braucht nicht nur einen starken Willen und ein fröhliches Gemüt. Alle zwei, drei Jahrzehnte zumindest braucht es dafür auch greifbare Gründe; keine rein stimmungsmäßigen Phänomene also, die uns irgendwie helfen, die alten Illusionen neu aufzugießen: sondern echte, ganz handfeste Vorgänge, die das globale Kräfteverhältnis nachhaltig verändern und das Tor aufstoßen zu einem neuen Level der Befreiung.

Die Entstehung der weltweiten Arbeiterbewegung im 19. und frühen 20. Jahrhundert war so ein Vorgang. Die Rebellion von 1968 öffnete so ein Tor. Aber seit drei Jahrzehnten scheint das Tor nicht nur verriegelt und verrammelt. Es scheint vielmehr, als stünden wir vor immer noch mehr Toren und Mauern als je zuvor, während die Bedrohung unserer Spezies durch ihre eigenen Handlungen dramatischste Formen annimmt.

Von daher hat meine derzeitige Stimmungslage keine rein stimmungsmäßigen Gründe. Meine Resignation ist vielmehr Ergebnis einer nüchternen Analyse der vorherrschenden Entwicklungstendenzen und Kräfteverhältnisse.

Und was ich benötige, um aus meinem Frust herauszukommen, sind auch keine freundlichen Worte, kein „Kopf hoch!“ und kein „Mach Dir nix draus…“. Ich brauche eine massenhafte globale Revolte gegen Krieg, Ausbeutung, Umweltvernichtung und Unterdrückung. Das allein könnte meine Stimmung heben.

(—)

Süße Giftzeit der Resignation

Und nebendran hockt das Scheitern

Einer gigantischen Illusion

Propheten fallen von Leitern,

Die sie erklommen, kaum drei Stufen hoch

Auf ihrem Weg zu den Sternen.

Die scheinen sich, ob das wohl möglich wär –

Vom Himmel selbst zu entfernen.

Da steht eine Brücke

doch unter ihr

Der Fluss ist längst vergangen.

Versuchen wir, zu Fuß und unten durch und irgendwie

Ans Herzufer zu gelangen.

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