ÜBER DIE RESIGNATION (1)

Ihr Lieben!

Als mich eine Bekannte heute gefragt hat, wie ich das eigentlich mache, dass ich mein Leben so toll hinkriege, musste ich lachen. Was weiß die schon, dachte ich mir, von meinen Schwierigkeiten, Unfähigkeiten, Blockaden und Problemen?
„Ich krieg mein Leben nämlich gar nicht hin.“, schob die Bekannte nach. Da gab ich ihr zur Antwort:
„Ich habe mein Leben sehr, sehr lange Zeit gar nicht sonderlich gut hingekriegt und kriege es bis heute viel schlechter hin, als die meisten Leute meinen. Aber vielleicht klappt es inzwischen besser als früher, weil ich relativ jung damit angefangen habe, meine Krisen sehr gründlich zu durchleiden – und mich gerade in diesen Phasen nicht weggeballert habe.“

Dass Krisen und Desaster eine Möglichkeit des Lernens beinhalten, war mir in der Tat früh bewusst. Schon als Jugendlicher habe ich ausgerechnet in Zeiten heftigen Liebeskummers usw. auf Alkohol und Gras gezielt verzichtet. Ich habe gespürt, dass auch diese Erfahrung angenommen und gelebt sein will. Ich wollte bewusst durch sie hindurchgehen.
Vielleicht ist es die Frucht dieses gründlichen Leidens, dass ich zu meinem Leben heute wirklich „Ja“ sagen kann. Mir ist auch in den letzten Monaten sehr bewusst geworden, was das heisst:
– Körperlich und geistig gesund auf die Welt gekommen zu sein.
– Als Kind & Jugendlicher nie Hungers leiden zu müssen
– Weder Opfer brutaler Gewalt noch sexuellen Missbrauchs gewesen zu sein
– Krieg und Vertreibung nur aus dem Fernsehen zu kennen
– Bei Krankheit zum Arzt gehen zu können
– Eine gute Ausbildung erhalten zu haben
usw.
Wenn man diese Liste mit der Lebensrealität von 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten abgleicht, gehöre ich damit vermutlich zu den privilegiertesten 5%.
Ich bin also von einer tiefen Dankbarkeit durchdrungen und sehr glücklich über das Leben, das ich derzeit führen darf.
Dennoch will ich Euch heute und in den nächsten zwei Tagen von der Resignation erzählen, die mich seit geraumer Zeit immer unabweisbarer in den Griff bekommt. Eine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die mir so tief in den Knochen steckt, dass sie gerade in den Momenten der Wahrheit, wenn ich wirklich nahe an mich selbst herankomme, mit aller Macht ins Bewusstsein rückt.
Ich habe die Tatsache meiner zunehmenden Resignation lange Zeit nicht wahrhaben wollen und dann: verheimlicht. Ich habe weiter den „Funktionär des Optimismus“ gemimt, wie ein Freund mich einmal nannte. Überhaupt dachte ich, es sei verantwortungslos, meinen Frust über andere auszugießen, anstatt sie zu bestärken, ihnen Mut zu machen.
Aber ich bin auch gewohnt, mit meinen Leiden offen umzugehen, auch und gerade in der Kunst und auf der Bühne. Und mit Ferdinand Lassalle ist die revolutionärste Tat, laut und deutlich zu sagen, was ist.

Und es ist … nicht gut.

So teile ich mich also mit. Und ich tue das in drei Teilen und jeweils mit einer Strophe und dem Refrain eines neuen Songs am Ende. Das war eigentlich ein Gedicht, es ist schon von 2011, als eine acht Jahre währende Liebesbeziehung in die Brüche ging. Dann wähnte ich den Text verloren. Letzte Woche habe ihn wieder gefunden und – er passt so unglaublich gut in meine jetzige Stimmungslage – sofort vertont.
Wie in einem anderen Gedicht („Weltsysteme und Geliebte“) lässt sich hier das Leiden am Verlust einer großen Liebe umstandslos auf jene Liebe übertragen, die ich in diesen Wochen zu verlieren scheine: jene große Liebe, die mich die allermeiste Zeit meines bewussten Lebens aktiv verbunden hat mit der Hoffnung auf eine Weltenwende zum Guten.

Die Brücke überm vergangenen Fluss
Text & Musik: Prinz Chaos II.

Das ist die Giftzeit der Resignation
Die Stadt wirft mit gilbenden Blättern
Matter Schluss aller Perversion
Und das Herz: kein bisschen fetter.
Ratlos treibst Du im Schädelmeer
Verkatert von Nüchternheiten
So soll Dich diese verlorene Liebschaft
ein Weilchen noch begleiten

Da steht eine Brücke –
Doch unter ihr
Der Fluss ist längst vergangen.
Versuchen wir,
zu Fuß
und unten durch
und irgendwie
Ans Herzufer zu gelangen.

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